AZ-Presseartikel – In Guntersblum gärt’s – SPD befürchtet „Betreutes Wohnen light“ im Algersweg West

In Guntersblum gärt’s – SPD befürchtet „Betreutes Wohnen light“ im Algersweg West

Von Ulrich Gerecke

GUNTERSBLUM – Schon lange träumt man in Guntersblum den Traum vom Betreuten Wohnen. Seit über 20 Jahren ist ein solches Projekt, mit dem ältere Bürger im Ort gehalten werden sollen, in der politischen Diskussion. Doch ausgerechnet jetzt, da eine solche Seniorenwohnanlage im Neubaugebiet Algersweg West kurz vor der Spruchreife steht, mehren sich kritische Stimmen. Zumindest in der örtlichen SPD. „Wir waren erschüttert, als wir Anfang des Jahres eher beiläufig erfahren haben, dass das Betreute Wohnen offenbar weichgespült werden soll“, klagt die Fraktion im Ortsgemeinderat unter Leitung von Rainer Tröger.

Man sei sich in all den Jahren eigentlich einig gewesen, dass für ein solches Betreutes Wohnen ein gewisses Maß an Grundpflege-Ausstattung nötig sei. Nun hegen die Genossen den Verdacht, dass diese Grundpflege auf ein Minimum reduziert wird und ein Betreutes Wohnen light entsteht. Oder schlimmer noch: ein investorengetriebenes Wohnprojekt, „das sich kein Guntersblumer im Alter leisten kann“, wie Tröger argwöhnt.

  • KLAGEDROHUNG

Wegen des geplatzten Baus eines Seniorenheims im Algersweg West hat das Planungsbüro KTB juristische Schritte gegen die Ortsgemeinde Guntersblum eingeleitet. Das teilte eine Sprecherin der Wiesbadener GmbH mit, ohne auf Details einzugehen.

Nach AZ-Informationen soll bei der Kommune eine anwaltliche Schadenersatzforderung der KTB vorliegen. Diese soll sich auf 106 000 Euro belaufen.

Fläche nicht verkauft, aber Anzeigen gibt’s schon

Ihr Unbehagen machen die Sozialdemokraten an mehreren Punkten fest. Schon dreimal habe der von der Ortsgemeinde ins Boot geholte Investor aus Köngernheim im Amtsblatt Anzeigen geschaltet, obwohl das betreffende Gelände noch in Gemeindebesitz und nicht verkauft ist. Dort ist nur von „hervorragendem Hausservice“ die Rede. In einem von dem Investor verbreiteten Konzept vom April stehen die Begriffe „barrierearm“ und „seniorengerechte Ausstattung“ – für die Genossen ist das zu wenig und hat mit Barrierefreiheit nichts zu tun. Die im Internet kursierende Preisliste weise Kaufsummen von knapp 200 000 bis knapp 300 000 Euro aus – viel zu teuer, meint die SPD. Der Entwurf für den Städtebaulichen Vertrag sehe ein Rücktrittsrecht des Investors vor, wenn der Aufstellungsbeschluss zum Bebauungsplan nicht bis zum 30. Juni gefasst würde. Für die SPD ein Fall von verdächtiger Hast.

„Wir fürchten, dass hier der Wille des Rates unterwandert wird“, klagen Tröger und Genossen. Die hohen Preise ließen zudem erahnen, dass es für die Wohnungen keine Förderung gebe. „Alles in allem lässt sich vermuten, dass der ganze Prozess schon viel weiter gediehen ist als offiziell bekannt. Damit sind wir nicht einverstanden.“

Auf AZ-Anfrage versuchte Ortsbürgermeisterin Claudia Bläsius-Wirth, den Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Der Investor ist bisher allen Bedingungen der Ortsgemeinde nachgekommen.“ Die unglückliche Vokabel „barrierearm“ habe dieser mittlerweile kassiert und neue Flyer gedruckt. In der Internet-Präsentation taucht der Begriff in der Tat nicht mehr auf. „Der städtebauliche Vertrag ist ein Arbeitspapier, das hat noch keine Entscheidungsreife“, versichert Bläsius-Wirth zudem.

Dass der Investor jetzt schon werbe, obwohl noch kein Aufstellungsbeschluss oder Vertrag da ist und die Erschließung gerade erst läuft, sei dessen eigenes Risiko, die Preisgestaltung dem „freien Markt“ geschuldet, sagt die CDU-Frau. „Nach Aussagen des Investors sind bereits 20 Prozent der Wohnungen reserviert – und zwar von Guntersblumern, Eimsheimern, Uelversheimern und Oppenheimern“, berichtet Bläsius-Wirth. „Ergo: unsere Zielgruppe.“

Richtig überzeugt scheint die SPD von diesen Einschätzungen indes nicht. Deshalb hat sie vor den nächsten Gremiensitzungen – Hauptausschuss am 4. Juni, Ortsgemeinderat am 21. Juni – einen eigenen Antrag mit einem Alternativkonzept vorgelegt. Dieses sieht für die geplante Seniorenresidenz Gemeinschaftsräume vor, eine Großküche (aus der auch die Kitas und der geplante neue Hort „bekocht“ werden könnten) oder vielleicht sogar eine für externe Gäste offene Gastronomie.

Damit wollen Tröger und Co. zurück zu den Wurzeln der Idee vom Betreuten Wohnen: „Es wäre einfach schade, wenn die Alten, die eine Bindung an Guntersblum haben, nicht im Ort bleiben könnten.“ Zumal Alternativen fehlten: Vom geplanten Pflegeheim habe sich die Kommune schon verabschiedet. Und die immer wieder einmal aufkommende Idee, im früheren Schultheiß-Haus im Ortskern altengerechtes Wohnen zu etablieren, hält die SPD wegen der für Versorger schwierigen Anfahrt schlichtweg für nicht umsetzbar.

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